Biografie: Blick zurück ins Vorwärts

von Menfred Mätzke

Wo wir aufwachsen und erzogen werden, wo wir Menschen begegnen, Erfahrungen machen und Schlüsse ziehen, das macht uns aus. Zumindest zu einem großen Teil. Ob wir es erinnern und nutzen wollen, ist uns überlassen.

Soll ich es wagen?

 „Ist das Leben des Individuums nicht vielleicht ebensoviel wert wie das des ganzen Geschlechtes? Denn jeder einzelne Mensch ist schon eine Welt, die mit ihm geboren wird und mit ihm stirbt, unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte.“ Dieser Satz aus dem dritten Teil der Reisebilder von Heinrich Heine hat mich schon in jungen Jahren beeindruckt. Und er ist wieder präsent geworden, seit ich vor etlichen Jahren in den beruflichen Ruhestand gegangen bin. Es muss um 2005 gewesen sein, dass ich bei ViLE einen Online-Kurs zum biografischen Schreiben belegt und dabei zu Übungszwecken einige kurze Texte über Episoden aus meinem  Leben verfasst habe. Seitdem nichts mehr. Es geht mir zwar immer mal wieder durch den Kopf, den Themenkreis Biografie intensiver anzugehen, aber noch umkreise ich ihn nur und frage mich wie Hans Moser in seiner Rolle als Wiener Dienstmann vor dem schweren Koffer: „Wie nehmen mir ihm denn?“

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Sicher, es gibt Erfahrungen, die mich veranlassen könnten, mein bisheriges Leben aufzuschreiben: Die Eltern sind nicht mehr da, um sie zu fragen, wie es sich mit Begebenheiten aus ihrem Leben genau verhält. Also es für die eigenen Kinder aufschreiben, falls die irgendwann Genaueres wissen wollen? Kein Grund für mich. Faszinierend sind bestimmte Erinnerungsfragmente, die nach Jahrzehnten „under cover“ plötzlich auftauchen und mich spüren lassen, wie reich mein bisheriges Leben vielleicht war. Also noch mehr Verborgenes herbei holen. Und dabei auch nachschauen, wie sich alles gefügt hat. Ob es sich zufällig, planvoll oder aus beidem ergeben hat.

Es ist nicht ohne Risiko

Will ich dann aber auch, dem Nicht-Gelungenen, dem  Nicht-Vollendeten, dem Fragment-Gebliebenen (Andreas Kruse) begegnen? Will ich darüber nachdenken, ob ich ein gelungenes Leben geführt habe? Muss es denn gelungen sein, und was wäre der Maßstab? Bin ich es? Und wer bin ich eigentlich, was macht mich aus, sagt mir der Lebensrückblick, wie ich geworden bin? Dann kann ich mich gleich auf die Analysanden Couch legen, oder irgendwann nach dem ich angefangen habe zu schreiben, stoße ich auf Themen, die mir gar nicht lieb sind. Kann ich, soll ich ihnen dann ausweichen? – Vielleicht gehe ich erst einmal ins Grundsätzliche.

Umgang mit Biografien

Man sagt gern, dass ältere Menschen häufig von früher erzählen. Aber wann fängt „älter“ an? Auch in den mittleren Jahren erzählen wir gerne Episoden aus unserer Vergangenheit. Und auch Jugendliche tun das, wenn sich gerade eine Erinnerung aufdrängt, die raus will. Doch das Thema Biografie gehtweit darüber hinaus. So umfasst der Begriff Biografiearbeit mehr als das individuelle Aufschreiben der eigenen Geschichte. Als strukturierte Form der Reflexion in einer begleiteten Anordnung soll die Biografie dazu dienen, Gegenwart zu verstehen und sie in die Zukunft zu gestalten. In der Arbeit mit Anvertrauten kann sie ein Klima von Angenommen sein entstehen lassen.

Biografiearbeit

Menschen tauchen in ihre Erinnerungen ein und erzählen ihre erlebten Erfahrungen in Gesprächen und Übungen. Persönliche Materialien wie Fotos, Poesiealben, Zeitungsausschnitte oder eine spezielle Erinnerungskiste können den Erinnerungen Gestalt geben. Biografisches Arbeiten kann den Erinnernden begleiten und unterstützen. Zum Beispiel in einer Gruppe mit anderen bei der Klärung oder Festigung seiner Identität, bei einer Bilanzierung des bisherigen Lebens, bei einer Standortbestimmung und gegebenenfalls einer Neudefinition des zukünftigen Lebens. Durch die Aufarbeitung der individuellen Lebensgeschichte erfährt der Einzelne eine Persönlichkeitsentwicklung, die mit Selbstständigkeit und Eigenaktivität einhergeht. Biografiearbeit  kann in verschiedenen Konstellationen (Einzel-, Gruppen- und Paararbeit), in unterschiedlichen Anwendungsfeldern und in jeder Altersstufe mit Hilfe geeigneter Übungen durchgeführt werden.

Einsatzfelder für Biografiearbeit

In der Biografie orientierten Pflege geht es darum, Gewohntes im Pflegealltag anzubieten, das Orientierung und Zugehörigkeit vermitteln soll. Sie soll Verstehen ermöglichen, warum etwas abgelehnt und etwas anders gewünscht wird. Die Lebensrückblicks- oder Reminiszenz-Therapie ist eine spezielle Form der Erinnerungsarbeit, bei der Lebenserinnerungen therapeutisch eingesetzt werden. Biografiearbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung hat das Ziel, aus Kranken-, Deprivations- und Institutionsgeschichten wieder Lebensgeschichten zu machen. Für Kinder- und Jugendliche findet sich Biografiearbeit im Bereich des Adoptiv- und Pflegekinderwesens. Bei dem Wunsch, etwas aus dem eigenen Leben innerhalb der Familie weiterzugeben, helfen Lebensbücher. Selbst verfasste Bücher oder Mappen, in denen die Biografie oder Teile daraus, festgehalten und mit Fotos, Bildern oder Zeichnungen ergänzt werden.

Ohne Gedächtnis geht es nicht

Ein unterhaltsames und verständliches Taschenbüchlein darüber, wie das Gedächtnis im Alter funktioniert, hat Douwe Draaisma geschrieben.Seine These: Das Gedächtnis wird im Alter nicht schlechter, es wird anders. Viele 80- bis 100-Jährige erinnern sich beispielsweise genau an Ereignisse aus ihrer Kindheit. Dieser »Reminiszenzeffekt« ist wissenschaftlich erforscht und belegt. Dass sich die individuelle Sicht auf Ereignetes mit der Zeit verändert, erklärt Draaisma mit dem Zugewinn an Erfahrung und die dadurch entstehende Fähigkeit zur Differenzierung. Interessant ist auch seine Sicht auf das Gedächtnistraining: Das Gedächtnis sei kein Muskel, der unbenutzt verkümmere; er könne daher auch nicht trainiert werden. Wichtig sei es, sein Leben weiterzuführen und sich nicht zu isolieren. Tröstlich dabei, dass man eigene Schwierigkeiten mit dem Vergessen und Erinnern auch bei anderen erkennt.

Fazit

Was mache ich jetzt mit meiner Biografie? Die weit gefächerten Anwendungsfelder der Biografiearbeit sprechen für die Sinnhaftigkeit der  Beschäftigung mit der eigenen Biografie. Doch sollte es persönlich gewollt sein und Spaß machen. Vielleicht beginne ich mit der Arbeit an einem Lebensbuch, – nicht tiefschürfend, zunächst nur, um die Stationen meines Leben zu erfassen. Und eine Gruppe von Zeitgenossen wäre auch nicht schlecht, um über verschiedene Themen zu sprechen, damit die Erinnerungen fließen und sich ergänzen können.

Literatur und Links

Draaisma, D.: Die Heimwehfabrik. Wie das Gedächtnis im Alter funktioniert  Herder spektrum 6273, Freiburg im Breisgau 2011

Ruhe, H G.: Methoden der Biografiearbeit. Lebensspuren entdecken und Verstehen, 5. Auflage, Weinheim und Basel 2012

http://methodenpool.uni-koeln.de/download/biografiearbeit.pdf
http://www.pflegewiki.de/wiki/Biographiearbeit