Muttersprache Türkisch – Literatursprache Deutsch

von Erna Subklew

Die größte Migrantengruppe in Deutschland ist die der Türken. Oftmals, wenn die Rede auf die in Deutschland lebenden Migranten kommt, ist diese Gruppe gemeint. In verschiedenen Gegenden, beispielsweise im Ruhrgebiet beträgt der Prozentsatz in der zweiten Generation über 30 Prozent.

Die erste Generation und ihr Verhältnis zur Literatur

Wenn man über das Verhältnis der ersten Generation zur Literatur nachdenkt, dann muss man eines in Betracht ziehen, in der Türkei wurde erst 1925 die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Das heißt, dass zwar in den Städten die Kinder mehr oder weniger regelmäßig zur Schule gingen, in den Dörfern aber weit weniger. Außerdem war der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen beim Schulbesuch groß. Noch 1970, bei einer von Prof. Hermann Müller durchgeführten Befragung, waren 60 Prozent  der türkischen Frauen Analphabeten. Bei den Männern war der Prozentsatz weit geringer, da es die Aufgabe des Militärs war, den Rekruten auch Lesen und Schreiben beizubringen.

Erzählen

Allerdings wäre es falsch, daraus zu schließen, dass Literatur keine Rolle im Leben dieser Menschen spielte. Weit mehr als in Deutschland wurden Märchen, Sagen, Geschichten erzählt und Epen zitiert. Es war auffällig, dass noch in den 80er Jahren bei Seminaren türkische Lehrer plötzlich mit dem Erzählen begannen, und Schüler es bei Busfahrten ebenso taten. Dabei gab es ein bestimmtes Reservoir, aus dem geschöpft wurde: Hacivat und Karagöz, Keloğan, Nasreddin Hoca neben bestimmten Epen.

Türkische Gastarbeiter der ersten Generation schreiben

Mir, der es nie eingefallen wäre, ein Gedicht zu schreiben, erschien es unwahrscheinlich, wie schnell die jetzt in der Fremde lebenden Menschen, von denen sehr viele ein nicht ganz einfaches Verhältnis zum Lesen und Schreiben hatten, ihre Gefühle in Verse ausdrückten und diese an die Zeitungen schickten zum Veröffentlichen. Natürlich waren die Gedichte-Schreiber fast nur Männer. Wenn Frauen etwas schrieben, dann war es an eine „Fatma Abla“, die sie um  einen Rat in einer bestimmten Lebenssituation baten.
Wie erstaunt war ich dann, dass es schon zehn Jahre später in großer Zahl Frauen der zweiten Generation  waren, die Bücher veröffentlichten und zwar auf Deutsch, in beiden Sprachen und nicht allein in ihrer Muttersprache Türkisch. Ganz selbstverständlich schrieben auch Männer und zwar ebenfalls in Deutsch oder ebenfalls in beiden Sprachen.

Türkisch-deutsche – deutsch-türkische Literatur

Was ist deutsch-türkische oder türkisch-deutsche Literatur? Sie ist ein integrationsförderndes Element, das nationalitätsübergreifend ist und umfasst die Werke von Autoren türkischer Herkunft oder aber, und weit weniger, von deutschen, die entweder durch ihr Umfeld oder ihr Thema zu diesen gerechnet werden können. Während die Literatur anfangs noch die Bücher türkischer Autoren aufgrund des gemeinsamen Migrationshintergrundes als Werk  eines Kollektivs auffasste, begreift man sie heute als eigenständige Werke aus der jeweiligen Sichtweise des Autors heraus.
Wurde die Migrantenliteratur zunächst nur in der Muttersprache geschrieben, entstand im Laufe der Zeit eine immer stärkere Hinwendung zum Schreiben in Deutsch. Die Themen befassten sich anfangs stark mit der Aufarbeitung von Gefühlen zur alten Heimat, Auswanderung und Befindlichkeit in der neuen Heimat. Allerdings fanden auch Themen, die das Leben in zwei Welten und Kulturen als Chance begriffen, allmählich Eingang in die Bücherei.

Einzelne Schriftsteller

Nazmi Kavasoğlu  ist 1945 in Babeli geboren, lebt seit 1971 in Berlin. Er ist ausgebildeter Lehrer, arbeitete aber auch als Journalist und Schauspieler. Sein Buch „Mein Großvater heißt Mustafa“ ist zweisprachig erschienen, um die Jugendlichen in den Schulen einander näher zu bringen. Es erschien 1985 im Ikoo-Verlag und wurde in Hessen für den Unterricht angeschafft. Für seine in verschiedenen Zeitungen erschienenen Artikel, erhielt Kavasoğlu als erster Ausländer den Konrad-Adenauer-Preis.

Saliha Scheinhardt

Die 1950 in der Nähe von Konya geborene Saliha Scheinhardt kam mit 17 Jahren nach Deutschland. Neben ihrer Arbeit gelang es ihr, hier das Abitur zu machen, zu studieren und promovieren. Nach dem Studium arbeitete sie als Hauptschullehrerin, dann als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Pädagogischen Hochschule. Sie schrieb ihre Bücher von Anfang an auf Deutsch. Sie erhielt mehrere Preise, einige ihrer Bücher wurden verfilmt.
Die meisten ihrer Bücher haben das Schicksal von türkischen Frauen in der Türkei und in Deutschland zum Thema. Es sind keine spektakulären Ereignisse, die sie schildert, sondern den gewöhnlichen Alltag, der uns dennoch viel Mitgefühl für diese Frauen aufbringen lässt.

Emine Özdamar

Das erste Buch, das Özdamar in deutscher Sprache schrieb,  war ein Stück für die Schattenspielbühne: Karagöz in Alamania. Sie schrieb es in der Gastarbeitersprache, die man Tarzanca nennt. Als ich es las, war ich zunächst entsetzt, hier wurde einer Sprache ein Denkmal gesetzt, die wir mit allen Mitteln versuchten, in der Schule  bei unseren Schülern auszumerzen. Das Buch hatte noch einen Nachfolger, mit einem anderen Typen der türkischen Literatur: Keloglan in Alamania.
Die Trilogie: Das Leben ist eine Karawanserei, zu einer Türkommst du hinein, zur anderen gehst du hinaus – Die Brücke vom Goldenen Horn – und – Seltsame Sterne starren vom Himmel – dürfte viele autobiografische Züge enthalten..

Feridun Zaimoğlu

Feridun Zaimoğlu ist wahrscheinlich der türkische Schriftsteller, der die meisten Bücher geschrieben hat. Siebeschränken sich nicht nur auf Themen, die mit dem Verlassen der Türkei und dem Leben in Deutschland zu tun haben. Das Buch „Leyla“, das allerdings zu diesem Themenkreis gehört, fand große Beachtung, obwohl es hieß, dass Zaimoğlu Anleihen bei Özdamar genommen haben soll.
Zaimoğlu kam 1965mit seinen Eltern nach Deutschland und studierte hier zunächst Medizin und Kunst. Er wohnte in München und Berlin und zog dann nach Kiel, wo er bis heute lebt. Er arbeitete als Dozent an den Universitäten in Frankfurt und Berlin aber vor allem als freier Schriftsteller, Journalist und Theaterkritiker. Für seine Arbeiten erhielt er mehrere Preise und war Inselschreiber auf Sylt. Zaimoğlu erhielt ein einjähriges Stipendium für die Villa Massimo, daraus entstand sein Buch: Rom intensiv.

Noch mehr Schriftsteller

Die Schriftstellerliste bei Wikipedia zählt mehr als hundert auf Deutsch schreibende, aus der Türkei stammende Autoren auf, darunter gibt es Schriftsteller, wie Renan Demirkan (Eine Tasse Tee mit drei Stück Zucker), Aysel Özakin (Auf den Spuren des Vaters), Alev Tekinay (Der Granatapfel, Die Deutschprüfung).
Akif Pirinçci und Jakob Arjouni, aber auch Hülya Özkan schreiben vorwiegend Kriminalromane.
Die Zahl der in deutscher Sprache schreibenden Autoren steigerte sich, als das „Institut für Deutsch als Fremdsprache“ in München diese Arbeiten finanziell unterstützte. Sehr viele der Autoren schreiben außer Prosa auch Lyrik, oder Kinderbücher und Drehbücher für Filme.
Daneben gibt es eine ganze Reihe von AutorInnen, die Sachbücher in deutscher Sprache schreiben: Necla Kelek,  Seyran Ateş, Lale Akgün, Faruk Şen und andere.
Eine bekannte Autorin, die man, obwohl Deutsche, auch zur deutsch-türkischen Literatur zählen kann, ist sicherlich Babara Yurtdaş. Mit ihren Büchern: Wo mein Mann zuhause ist –  und – Wo auch ich zuhause bin –  hat sie realistische Einblicke in eine deutsch-türkische Ehe gegeben.

Wenn Sie mehr über deutsch-türkische Literatur lesen wollen, schauen Sie sich folgende Links an:

Deutsch-türkische Literatur

Schriftstellerliste

Die Türkei auf der Buchmesse