Erziehungsratgeber

von Lore Wagener

Junge Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Aber niemand hat sie für die Aufgabe, Kinder zu erziehen, geschult. Die vielen Erziehungsratgeber auf dem Buchmarkt zeigen, wie groß das Interesse von Vätern und Müttern an Beratung ist.

Was macht gute Eltern noch besser?

In den letzten 20 Jahren soll fast wöchentlich eine neue Publikation auf dem deutschen Buchmarkt erschienen sein, die sich mit Erziehung oder Psychologie in der Familie befasste. Ein Problem ist leider, dass viele Ratgeber vage formuliert sind oder sich gegenseitig widersprechen. Nach der Lektüre sind Eltern dann nicht klüger, sondern eher unsicherer geworden. Es gibt aber auch beliebte Bestseller, die sich mit modernen Erziehungsmethoden befassen. Sie wurden in viele Sprachen übersetzt und weltweit gelesen. Wir wollen hier zwei dieser Bestseller und ihre Autoren vorstellen. Ausgewählt haben wir „Die Familienkonferenz“ des amerikanischen Psychologen Dr. Thomas Gordon sowie die Abhandlung „Dein kompetentes Kind“ des dänischen Erziehungstherapeuten Jesper Juul.

Dr. Thomas Gordon

Dr. Thomas Gordon lebte von 1918 bis 2002. Er war praktizierender Arzt und Psychologe in den USA. Bei seiner täglichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen stellte er fest, dass positive Kommunikation und gewaltfreie Konfliktlösungen gerade im familiären Umfeld sehr wichtig waren. Auf wissenschaftlicher Grundlage erarbeitete er daher ein im Alltag anwendbares Modell zur familiären Kommunikation und Konfliktlösung. Er kam zu der Schlussfolgerung, dass es für junge Menschen besser ist, in einem „fürsorglichen und freiheitlichen Umfeld“ aufzuwachsen, als sie mit den überkommenen autoritären Methoden zu erziehen.
Gordon schrieb mehrere Bücher zu seinem Lieblingsthema. Sein wohl bekanntestes Buch „Familienkonferenz“ erschien schon Mitte der 1960er Jahre in den USA und wurde später weltweit verbreitet. Seit 1972 gibt es die deutsche Übersetzung. Um die Anwendung seiner Methoden zu erleichtern, entwickelte der Autor zudem ein spezielles „Gordon-Training“, das er in Seminaren anbot, deren Leiter von ihm geschult waren.

Die Familienkonferenz

Thomas Gordon nutzte die Erkenntnis, dass sich viele Konfliktsituationen in Familien durch zielorientierte Gespräche auflösen lassen, für sein Modell. Er nannte diese Gespräche „Familienkonferenz“ und legte dafür ganz bestimmte demokratisch geprägte Regeln fest. Voraussetzung war die Beteiligung aller Familienmitglieder, auch der Jüngeren, wobei Eltern und Kinder sich gleichberechtigt gegenüber saßen. Jedes Familienmitglied musste genügend Zeit bekommen, um sich zu dem Problem zu äußern, und durfte während seiner Äußerung nicht unterbrochen werden. Die übrigen Familienmittglieder sollten aufmerksam zuhören und alle vorgetragenen Argumente ernsthaft erörtern. Dabei sollten die Eltern selbst durchaus authentisch für ihre Bedürfnisse den Kindern gegenüber eintreten und ihre Gefühle oder Befürchtungen ehrlich äußern. Danach sollte die Familie gemeinsam nach Lösungen suchen. Strafen oder Verbote von Seiten der Eltern waren tabu, aber auch unangebrachte Nachgiebigkeit. Dieses Verfahren bezeichnete Gordon als „positive Kommunikation“.

Win-Win-Methode

Eine gewaltfreie „Lösung ohne Niederlage“ sollte das Ziel dieser Aktion sein. Gordon propagierte die „Win-Win-Philosophie“ mit dem Leitsatz „Ich möchte nicht gewinnen, während du verlierst und ich möchte nicht verlieren, während du gewinnst. Wenn wir einen Konflikt haben, wollen wir nach Lösungen suchen, die beide Teile befriedigen.“ Eltern sollten also lernen, für alle Teile akzeptable Lösungen zu finden. Zur Elternschulung bot das Gordon-Training gezielte Übungen an.
Dieses Gordon-Modell, das hier nur in Teilen skizziert wird, stellt sicherlich hohe Ansprüche an Eltern. Es verlangt unter anderem auch Konsequenz und Authentizität. Und um Letztere kann man sich eigentlich nur „strebend bemühen“. Authentische Menschen beschreibt der Autor so: “Sie haben eine besondere Ausstrahlung, wirken echt, ungekünstelt, offen und entspannt.“ Und an anderer Stelle: „Ein Mensch wirkt glaubwürdig und vertrauensvoll, wenn er authentisch ist und in Übereinstimmung mit seinen Werten lebt und handelt. Er löst bei seinen Mitmenschen angenehme Gefühle aus.“

Jesper Juul

Lizenz CC, Urheber Lucarelli

Jesper Juul ist ein dänischer Erziehungstherapeut, geboren 1948. Nach dem Schulbesuch ließ er sich zunächst als Schiffskoch und in anderen Jobs ein wenig „den Wind um die Nase wehen“, ehe er an einer dänischen Hochschule sein Pädagogik-Studium aufnahm. Anschließend arbeitete er einige Jahre als Lehrer mit schwer erziehbaren Jugendlichen und bildete sich daneben zum Erziehungstherapeuten fort. Einer seiner Lehrer war der amerikanische Psychiater und Familientherapeut Walter Kempler. Vermutlich von diesem beeinflusst, wurde die Familien- und Erziehungstherapie Juuls bevorzugtes Metier. Er schrieb zu diesem Thema einige Ratgeber, die weltweit gelesen wurden. Sein Erstlingswerk war die Abhandlung „Dein kompetentes Kind“. Weitere seiner Sachbücher waren unter anderem „Vom Gehorsam zur Verantwortung“, „Aus Erziehung wird Beziehung – Authentische Eltern – Kompetente Kinder“. Wie man an diesen Überschriften sieht, legte Juul den Schwerpunkt seiner Arbeiten auf das „kompetente Kind“.

Dein kompetentes Kind

Juul vertritt tendenziell die gleichen Grundsätze wie Gordon. Er ist aber ganzheitlicher und verlangt einen radikalen Paradigmenwechsel. Alte und neue Erziehungspraktiken sind für ihn nicht bloß als Gegensatz, sondern als etwas völlig anderes einzustufen. Juul tritt für eine „neue Qualität der Kindheit“ ein und geht davon aus, dass ein Kind kein bloßes Objekt für seine Eltern ist, sondern von Geburt an sozial und emotional ebenso kompetent ist wie seine Eltern. Es äußert seine Kompetenz nur entsprechend seiner kindlichen Reife. Daraus folgt für Juul, dass jedes Kind in der Familie als „gleichwürdig“ anzunehmen ist. Aus dieser Sicht heraus muss sich die bisherige Subjekt – Objekt-Beziehung zwischen Eltern und Kind in eine Subjekt – Subjekt-Beziehung wandeln. Das bedeutet, dass eine Beziehung auf Augenhöhe zwischen zwei „Menschen“ entsteht und nicht eine Beziehung zwischen Eltern und Kind, „in der das Kind vorrangig gehorchen, lernen, Prüfungen bestehen oder nett sein muss.“

Schlüsselcharakteristika

Juul fordert von den Eltern bestimmte Schlüsselcharakteristika, wie Integrität, Authentizität, Verantwortung und Selbstvertrauen. Er betrachtet diese Eigenschaften als Stabilisatoren für gute Eltern – Kind-Beziehungen. Er hat also – wie Gordon -ein recht anspruchsvolles Eltern-Programm. Juul meint “Wir können unseren Kindern nur dann eine Kindheit von guter Qualität geben, wenn wir als Erwachsene die erwähnten Schlüsselcharakteristika zu unseren eigenen machen, denn sonst wird es uns nie möglich sein, ihnen ein gutes Beispiel vorzuleben.“
2004 gründete Juul das Elternberatungsprojekt „FamilyLab International“. Hier werden – ähnlich wie bei Gordon – Elternseminare angeboten, deren Leiter von Juul selbst ausgebildet wurden. FamilyLab hat inzwischen Ableger in Deutschland, Italien, Kroatien, Norwegen, Österreich, Schweden und Slowenien bekommen. Juul hat auch Vortragsreisen in verschiedene Nachbarländer Dänemarks unternommen. Man findet noch einige Videos von dieser Tour bei YouTube aber auch ein Podcast beim Hessischen Rundfunk.

Links

Das LC konnte eine junge Familie für ein Interview gewinnen.

Das Gordon-Modell

Kritik in Kürze, aus „Die Zeit“ betr. Thomas Gordon

Psychologische Schlüsselbegriffe: authentisch sein

Gelassenheit statt Drill

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