Herrschaft über die Zeit

von Dietrich Bösenberg

Wer hat die Herrschaft über die Zeit?
Zu allen Zeiten beanspruchten weltliche und religiöse Herrscher diese Macht, indem sie die Hoheit über den Kalender ausübten. Der Kalender ist nicht nur eine Übersicht über die Tage, Monate und Jahre, sondern er beeinflusst in großem Maße unser gesamtes Alltagsleben.

Zeitrechnungen und Kalender

Zeitrechnungen sind schon in frühesten Kulturen feststellbar. Man stützte sich auf Beobachtungen der  Natur – Gestirne –  Jahreszeiten –  Tag/Nacht –Wechsel.
Die ältesten Kalender entstanden aus der Beobachtung des Mondes, so in Babylonien und im alten Ägypten. Andere Zeitrechnungen aus vorchristlicher Zeit waren bereits Sonnenkalender mit Sonnenjahren, Monaten, Tagen, teilweise auch Mischungen von Mond- und Sonnenkalender. Insbesondere dürften es religiöse Gründe gewesen sein, die verlässliche Daten für Festlichkeiten oder Kulthandlungen verlangten.

Für eine Zählung der Jahre benötigte man einen konkreten Bezugspunkt. Vielfach wurde dafür der Amtsantritt des Herrschers angesetzt, z. B. im Römischen Reich nach den jeweiligen Konsuln. Im alten Griechenland war als Bezugspunkt der Beginn der Olympischen Spiele üblich.
Der römische Staatsmann Julius Cäsar (100 – 44 v. Chr.) hat im Römischen Reich eine neue Zeitrechnung eingeführt. Der nach ihm benannte Julianische Kalender ist die Grundlage der bis heute verwendeten Zeitrechnung.

Die christliche Zeitrechnung

Das Christentum folgte anfänglich den regionalen Zeitrechnungen. Im Lauf der Zeit und als Folge des gewachsenen Einflusses entstand das Bedürfnis, ein eigenes System zu schaffen, das dem Bewusstsein der Besonderheit des Christentums gerecht würde. Eigene wichtige Begebenheiten sollten berücksichtigt werden, neben der Erschaffung der Welt insbesondere die Geburt sowie der Tod und die Auferstehung Christi. Das Ostergeschehen war ein entscheidender Ausgangspunkt für die Organisation der christlichen Jahreseinteilung. Anfangs stand dabei mehr die theologische Bedeutung im Vordergrund, weniger das Bestreben, eine neue Zeitrechnung zu etablieren.
Für die Untergliederung hatte das Christentum die aus der jüdischen Praxis stammende 7 – Tageswoche mit einem Ruhetag übernommen, in Anlehnung an die Schilderung der Schaffung der Welt im Buch Moses.

Die Geburt Christi

Im 6. Jahrhundert verwendete der Mönch Dionysius Exiguus erstmalig die Geburt Christi als Ausgangspunkt für seine Zeitrechnung. Er bestimmte den Zeitpunkt rechnerisch auf das Jahr 754 nach Gründung der Stadt Rom. Diese Rechenweise konnte sich zunächst nicht allgemein durchsetzen – erst 200 Jahre später wurde vom englischen Mönch Beda Venerabilis in einem historischen Werk die Zählung ab Christi Geburt konsequent verwendet.
Die Besonderheit dieser christlichen Rechenweise war, dass man nicht von einem absoluten „Anfang“ ausging, wie z. B. die Erschaffung der Welt, sondern gewissermaßen von einer „Mitte“, d. h., es gibt ein davor und danach, eben „vor Christi Geburt“ und „nach Christi Geburt“.

Das Jahr Null

Die christliche Zeitrechnung setzte für die Geburt Christi das Jahr 1 an, wurden doch in der damaligen Zeit noch die lateinischen Ziffern verwendet, die keine Null kennen. Diese kamen erst mit den arabischen Ziffern. Die Folge davon ist, dass in der Vorwärtsrechnung das Jahr 2 eigentlich das Jahr 1 nach Christi Geburt darstellt und somit 2012 eigentlich 2011 sein müsste. In der Rückwärtsrechnung, der Zählung „vor Christi Geburt“, besteht diese Ungenauigkeit nicht, da man vom Jahr 1 nach Chr. rückwärts direkt das Jahr 1 vor Chr. zählte.
Hinzu kommt das Problem, dass das genaue Geburtsdatum Jesu nicht bekannt ist. Orientiert an Ereignissen, die im Neuen Testament erwähnt und historisch nachvollziehbar sind – Geburt Jesu „zur Zeit als Quirinius Landpfleger war“, jedoch zu Lebzeiten Herodes des Großen – muss das tatsächliche Geburtsjahr zwischen den Jahren 4 und 7 v. Chr. liegen.

Der Gregorianische Kalender

Die auf dem Julianischen Kalender basierende christliche Zeitrechnung wurde allmählich als zu ungenau empfunden. Papst Gregor XIII erließ daher 1582 eine Kalenderreform, die eine bessere Anpassung an die astronomischen Verhältnisse brachte. Die durchschnittliche Länge eines Jahres wurde genauer berechnet. Das Normaljahr hat 365 Tage, Schaltjahre mit 366 Tagen, die in durch 4 teilbaren Jahren vorkommen, werden eingeführt.
Es darf angenommen werden, dass der Papst als Oberhaupt der Kirche keine rein mathematischen Gründe für seine Reform hatte. Vielmehr dürfte das Streben der Kirche nach Macht eine wichtige Rolle gespielt haben. Man wollte die „Regelungshoheit über die Kalenderangelegenheiten“ (Rüpke) erlangen, um damit den Alltag der Menschen zu steuern – kurz: die Herrschaft über die Zeit installieren.
Die enorme Bedeutung des Gregorianischen Kalenderse zeigt die Tatsache, dass er im Laufe der Zeit praktisch von allen Ländern der Erde übernommen wurde. Er gilt im Geschäftsverkehr heute allgemein auch in denjenigen Ländern, die eigene Kalendersysteme benutzen, wie China, islamische Welt und Judentum.

Gegenzeitrechnungen

Immer wieder sind auch Gegenzeitrechnungen entstanden. Den ersten Entwurf brachte die französische Revolution. Einerseits sollten technische Gesichtspunkte einfließen, Verwendung des Dezimalsystems in Übereinstimmung mit den Längenmassen und Gewichten. Die Siebentage-Woche wurde abgeschafft, Monate und Tage bekamen neue Namen und neue Bezugspunkte wurden festgelegt. Das „Jahr der Freiheit“ trat an die Stelle von Christi Geburt. Napoleon kehrte aber wenige Jahre später zum christlichen Kalender zurück.
Auch im 20. Jahrhundert gab es Versuche eigene Zeitrechnungen zu schaffen. Lenin wollte die Zahl der Arbeitstage ausdehnen durch Reduzierung der Feiertage und durch Neuregelung der Samstage und Sonntage. Eine dauerhafte Wirkung wurde jedoch nicht erreicht.
Auch das 3. Reich bemühte sich um eine eigene Zeitrechnung. Germanische Bezeichnungen für Monate und Jahre und das Verschwinden christlicher Begriffe (nach der Zeitenwende) konnten sich nicht durchsetzen.
Allen diesen Bemühungen um eine Neubestimmung der Zeitrechnung liegt die Idee der Herrschaft über die Zeit zugrunde.

Literatur

Hans Maier: Die Christliche Zeitrechnung, Herder, 1991
Jörg Rüpke: Zeit und Fest – Eine Kulturgeschichte des Kalenders, CH. Beck, 2006

Links
Christliche Zeitrechnung und Vorgeschichte
 
Kurzfassung Hans Maier